Franz Christoph Schiermeyer

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"Baader, Schmock & Immelmann"

Gereimte Gedichte in drei Kapiteln,
1987-88, im Eigenverlag

EINE VORSTELLUNG

Es stellte sich mir irgendwann
ein Mann vor namens Immelmann.

Der war von sehr weit hergekommen,
allein und nur zu meinem Frommen.

Ich lud ihn ein ins Café Schrader,
dort nannte er sich plötzlich Baader.

Und nach Gebäck und einem Grog
empfahl er sich mir noch als Schmock...

Dann war er fort, auf der Chaussee,
und ich betrat, noch im Café,

die wundersam verquere Welt
der drei, die sich mir vorgestellt.



DAS DING

Im Café Schrader steht ein Ding,
das macht, mit Geld gefüttert: "Kling!"

Man ahnt es schon: Ständ dort ein Dong,
ertönte es wahrscheinlich "Klong!"

Denn jedes Ding hat Gott sei Dank
sein unverwechselbares "Klang!"

DIE TÜR

Im Café Schrader gibt es auch,
zum freigestellten Nutzgebrauch,

willst du dich solcherart beglücken
(ein Schildchen weist dich an: "Hier drücken!"),

dort gibt es also, wie gesagt,
sofern dir ihr Gebrauch behagt

(als anderer trittst du herfür,
hindurchgegangen!): eine Tür.

DIE NEUE HOSE

Schmock erwirbt in einem Kaufhaus
eine Hose von der Stange.

Und als Dreingabe erhält er
- unverbindlich! - eine Zange.

Zu der Zange gibt es dieses:
drei Paar gelbe Kindersocken,
außerdem ein Kilo Fallobst

und zwei Wickler für die Locken.

Schmock, den selten etwas wundert,
steht, von so viel Glück benommen,

regungslos in jener Hose,

deretwegen er gekommen.

BAADER GEHT SPAZIEREN

1

Baader steht im Regen...
Dabei ging er vor das Haus,
um sich zu bewegen,

weil die Sonne so schön schien!

Jetzt scheint es ihm,
dass sie nur schien.


2

Schmock erfindet einen Gegen-
stand, der, wenn man ihn benutzt,
steht man ohne Schirm im Regen

(und die Schuhe sind beschmutzt).

Baader birst beinah vor Glück,
als vermacht wird ihm das Stück,
und benutzt es - siehe auch

oben! - für den Hausgebrauch.

DER JÄGERZAUN

Baader liest in einer Zeitung
ein Rezept zur Zubereitung

von - man höre dies und staune! -
einem Meter Jägerzaune.

Von Begeisterung gepackt,
lädt er, als der Zaun zerhackt
und bereitet samt dem Pfahle,

Schmock und Immelmann zum Mahle.

Jägerzaun und Jägersoße,
aufgetischt zu einem Kloße,

munden bestens im Verein

mit des Jägermanns Latein...

DER STEIN DER WEISEN

Immelmann und Baader reisen
zum berühmten Stein der Weisen.

Angekommen bei dem Brocken,
können nichts sie ihm entlocken.

Was auch immer sie versuchen -
Er bleibt stumm wie Marmorkuchen.

"Baader", sagt Freund Immelmann
schließlich "bitte, fass mal an!"

Mühsam mit nach Haus genommen,
ist der Stein zu Schmock gekommen.

Und von dort? - Wer solche Fragen
stellt, muss ihn als nächster tragen!

DIE NEUE SPRACHE

Immelmann, der Sprache mächtig,
die in Zukunft wird gesprochen,

unterhält mit Schmock sich prächtig
(weil von niemand unterbrochen).

Alles, was die zwei austauschen
mit den zukünftigen Wörtern,

klingt wie Atmosphärenrauschen,
gleichgültig, was sie erörtern.

Denn was ihre Lippen formen,
unterliegt stets neuen Normen

und ist, kaum mit Sinn begossen,
ausgesprochen schon verflossen...

DIE SENDUNG

Baader findet einen Ton
(beim Singen in ein Mikrophon),

der bis dato unbekannt.

Er schickt den Ton, auf einem Band

konserviert und auf der Stelle
der Redaktion der Deutschen Welle
(dass man ihn baldmöglichst sende
und so Verwendung für ihn fände).

Nach zwei Tagen hört er schon
den beiläufig entdeckten Ton

widerklingen im Briefkasten

("Die Sendung geht zu Ihren Lasten!").

Baader ist, als er vernimmt
diesen Ton, zutiefst verstimmt .
Doch, womit sein Groll gleich endet:
Immerhin - er war gesendet!

SCHMOCKS ERFINDUNGEN

Schmock erfindet ein Gerät
für mehr Objektivität.

Jenes teilt selbst Schall und Rauch
haarklein in Sowohl - Als auch.

Schmock, der einerseits begeistert,
sieht sich andrerseits gemeistert.

Und erfindet ein Gerät
für mehr Subjektivität.

DER ZWERG

Baader trifft auf einen Zwerg
beim Klettern auf den nächsten Berg.

(Der nächste Berg ist für dich nah,
doch fern dem Zwerg, drum wohnt er da!)

Der Zwerg spricht unerschrocken: "Hier
bin ich zu Haus, das merke dir!"

Baader hat, wie er berichtet,
auf den Aufstieg gleich verzichtet

(und gewann beim Zwerg durch diese
Tat durchaus an Wert als Riese).

DER BRAVE IMMELMANN

Immelmann, auf dass er werde,
was er ist auf dieser Erde,

richtet gegen nichts Beschwerde:

Ob du ihn in Tinte tauchst,
seine Lieblingspfeife schmauchst

(trotzdem du doch gar nicht rauchst!) -

Immelmann, in seiner Ehre
nicht gekränkt, als ob nichts wäre,

lässt darüber keine Zähre...

Halte ruhig ihn für ein Schaf,
nicht mal das raubt ihm den Schlaf,

denn er denkt dich auch so brav!

IMMELMANN ÄRGERT SICH

Immelmann, wie soll man sagen,
platzt auf diese Art der Kragen:

Kurz nachdem sein Kamm geschwollen,
sieht man ihn die Augen rollen.

Mit weit aufgeblähten Nüstern
dämpft den Aufschrei er zum Flüstern

- wie ein Tier sieht er dich an! -,
dreimal tonlos: "Immelmann!!"

DER GELEHRTE BESEN

An Schmock gerichtet spricht ein Besen:
"Ich kann schreiben und auch lesen.

Außerdem beherrsche ich
dreizehn Sprachen meisterlich

(Nicht zu reden vom Diplome
über siebzehn Idiome)!"

Schmock, auch er nicht ungelehrt,
sagt "Voilà!" und "Bon!" und kehrt.

DAS METAPHORISCHE ERLEBNIS

Baader interessiert sich sehr
für der Sterne fernes Meer.

Schweigend sieht man ihn zum blauen
Nachthimmel des Abends schauen

durch ein meterlanges Rohr...
Einmal hat ein Meteor,

ehe er im Meer versunken,
ihm durchs Rohr kurz zugewunken! --

Dies Erlebnis, meteorisch,
dünkte ihn höchst metaphorisch:

voller Sinn und äußerst dunkel,
kurz und gut - wie Sterngefunkel.

DAS KULT-OBJEKT

Ein andres Mal erblickt im Rohr
der aufmerksame Astronom

das Spiegelbild vom Kölner Dom

(komplett mit Türmen und mit Chor)!

Ergriffen von dem Kult-Objekt,
das unerwartet er entdeckt,

spricht Baader fromm und wie im Schlaf
als guter Christ: "Kölle Alaaf!"

TYPISCH IMMELMANN

Immelmann beschließt zu finden,
was noch keiner vor ihm fand.

Als er endlich es gefunden,

nimmt er froh es in die Hand.

Schaut es an von allen Seiten,
trägt es sorgfältig nach Haus
(in ein Taschentuch gewickelt),

packt es dort dann wieder aus.

Was er letztlich hat gefunden,
geht wohl niemand etwas an...

Eins nur ist dazu zu sagen:

Das war typisch Immelmann!

IMMELMANNS WIESE

(Pratum Immelmanniensis)

Immelmann liebt es zu schenken.
Ohne jeden Anlass gibt

er von Herzen aus den Händen,
was er selbst von daher liebt
.


So verehrt er Baader gleich,
was er eben erst gefunden,

und ist, ehe der begreift,

wie ein guter Geist verschwunden...

Baader dankt auf seine Weise
und entdeckt am Firmament

eine große grüne Wiese,

die er nach dem Freund benennt!

DER BEWIESENE SCHMOCK

Schmock betätigt sich, sein Brot
zu verdienen, als Bonmot.

Nach Entrichtung der Gebühr
tritt als solches er herfür.

Beispielsweise aus dem Mund
von Abteilungsleiter Kundt,

der, indem er Schmocken speist,
Witz und (einen) Geist beweist.

PRO ARTE

1

Baader fährt nach Genua,
von München über Hamburgs Hafen
(er hat den Anschlusszug verschlafen),
und spricht, als er sich eingeschifft
nach Genua: "Was das betrifft:
Für die Seefahrt und die Kunst
war mein Umweg nicht umsunst!"

2


Immelmann erhält Besuch
von einem "Kunst-Strukturen"-Buch.

Seinen Horizont zu weiten,
wendet er wohl tausend Seiten

und erklärt galant zum Schluss
den Besuch zum Kunstgenuss.

3

Schmock, sehr herzlich zugetan
allem, was als Kunst auftritt
(von Hammelmann bis Hindemith),
bricht hier einem Künstler Bahn:

Denn eines Tages, irgendwann
(Schmock ist grau und längst vergessen)
sind die Leute wie versessen
auf einen Künstler: Hammelmann!

DER DRACHEN

Immelmann lässt, um zu zeigen
nicht gleich jedem, was er tut,

heimlich einen Drachen steigen
(Denn nicht jeder will ihm gut.).

Auch der Wind will mit ihm raufen
und entreißt ihm seinen Hut,

kaum dass er beginnt zu laufen
mit dem Drachen wie ein Kind.

Ohne einmal zu verschnaufen,
folgt er beiden wie der Wind

über Wiesen, über Felder -
Und so sieht ihn jedes Rind!

Seither liebt er mehr die Wälder,
wo er ohne Arg und List

(nur ein Häher spielt Vermelder)
Kind und seinesgleichen ist.


DIE WAHRHAFT TIEFEN DINGE

"In Ermanglung eines An-
liegens", schreibt an Immelmann

ein dazu befugtes Amt

"senden wir dies kurze Schreiben
(Antwort liegt schon im Archiv)."

Immelmann entliest dem Brief
jenes höhere Verständnis

für die wahrhaft tiefen Dinge
und nimmt dankbar ihn zur Kenntnis.

DER FREUNDSCHAFTSBEWEIS

Baader, Schmock und Immelmann
treffen sich in Kurdistan.

Der Zufall hat sie hergefuehrt
und alle drei sind tief geruehrt.

Denn dass man sich per Zufall findet
in Kurdistan -- Das hebt und bindet

und ist, wie jeder sogleich weiss,
der Freundschaft sicherer Beweis.

DIE BAR

Schmock und Immelmann betreten
(ohne Baader) eine Bar
mit zwei Butterbrotpaketen.

Draußen ist es Februar.

Drinnen steht die Geiß am Tresen,
zapft zwei Gläser Doppelbock.

Weiter ist nichts mehr gewesen

mit Freund Immelmann und Schmock.


 

Ungereimtes
in Versen


Baader, Schmock & Immelmann

Die neue Welt

Baaders Nichte


Ein kleines Kind

Verschwiegener Wunsch - verwünschtes Schweigen

Schlüsselblumen

Zierpfeiler

 

Ihr Seitenaufruf ist der te seit dem 14.02.07


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