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"EIN KLEINES KIND"

(mit Zeichnungen von Wolfgang Spree)

*

 

Kleines Rätsel

Ein kleines Kind, wenn es geboren,
hat im Regelfall zwei Ohren.

Auch zwei Hände, Füße, Beine -
Haare allerdings oft keine:

Nicht geschoren - nicht verloren ---
Kleines Rätsel ist geboren.

 

*

 

 

An der Wiege

Ein kleines Kind macht alle froh:
Es muss nur brav da liegen,
schon tönt es ringsum "Ah!" und "Oh!",
als würd’ es Loopings fliegen.

Und macht es gar ein Auge auf
und tut mal kräftig niesen,
sieht man im weiteren Verlauf
die Tränen reichlich fließen...

Ein kleines Kind hat keine Last
damit: Es wartet heiter,
bis sich die Umwelt wieder fasst
und schläft dann friedlich weiter.

 

*

 

 

Auf den ersten Blick

Ein kleines Kind folgt keiner Logik,
das sieht man auf den ersten Blick:
Es ignoriert die Pädagogik
und vorher schon den Pillenknick.

Es kümmert sich auch keine Spur
um "Mutterschutz" und "Kindergeld"
und kommt - selbst ausgerechnet - nur
nach eigner Zeitrechnung zur Welt.

Ein kleines Kind, ob Tochter, Sohn,
folgt einzig der Intuition...
Und bis man das endlich begreift,
ist man zu Großeltern gereift.

 

*

 

 

Der Diener

Ein kleines Kind ist ein Geschenk --
das man nur machen sollte
an jemanden, der furchtlos vor
beständiger Revolte!

Denn was es sich von dir auch wünscht
und flehentlich ersehnt --
Es ist stets das, was es hernach
mit aller Macht ablehnt.

Das ist nicht etwa böse List
und Laune eines Windes:
Du musst nur wissen, dass du bist
der Diener deines Kindes!

 

*

 

 

Großes Kind

Ein kleines Kind wird endlich groß,
doch niemals recht erwachsen:
Für Eltern markiert Mäxchen bloß
plötzlich den großen Maxen.

Er wird ein Herr und duzt per Sie
und treibt, streng atheistisch,
so lange kühl Philosophie,
bis er streng pietistisch...

Das ist nun keineswegs ein Witz
und will auch nicht belehren.
Denn Leben/ Liebe/ Geistesblitz
hilft, alles umzukehren!

 

*

 

 

Musikalisches Opfer

Ein kleines Kind ist kinderleicht
aufs Höchste zu entzücken:
Es freut sich schon, darf es vielleicht
die Klospülung mal drücken.

Dann steht es wie im Traum entrückt
und hört die Bächlein fließen
und ist kaum weniger beglückt
als wir, die Bach genießen...

Es fehlt ihm noch der Unterschied
von Kunst und Ohrensausen -
Doch wenn ihm solches wird zum Lied,
sind wir wohl die Banausen.

 

*

 

 

Orffeus in der Kinderwelt

Ein kleines Kind sagt gern "gewerft",
hat es den Ball geworfen.
Dagegen stand schon, leicht entnervt,
mit Mut einst auf Carl Orffen:

Wann immer tat das böse Wort
ein Kind begeistert sagen,
so musste es in einem fort
auf Hölzer rhythmisch schlagen...

Das hätte sich wohl fortgeführt
und bis auf uns vererbt,
wär Orffen nicht, vom Schlag gerührt,
berühmt und reich gesterbt.

 

*

 

 

Was ein Kind alles braucht

Ein kleines Kind braucht keinen Schlaf
und selten was zu essen.
Das sollte man in keinem Fall
als Elternpaar vergessen!

Ein kleines Kind braucht einen Ball
und "Du-Du! Da-Da!" --- Weiter
begehrt es nichts! Dann ist es brav
und insgesamt recht heiter.

Wie oft sieht man hingegen noch
verzweifelt eine Mutter
vor eines Munds versperrtem Loch
mit Löffelchen voll Futter...

Das ist nun keineswegs sehr klug
und auch nicht mehr modern:
Ein Kindchen ist sich selbst genug,
drum hat man es ja gern.

 

*

 

 

Jeden Abend dasselbe

Ein kleines Kind wünscht gute Nacht
und schließt für kurz die Augen.
Dann ist es wieder aufgewacht
und will am Fläschchen saugen.

Es fehlt ihm auch sein Teddybär
und ein Schock Lieblingsbücher.
Und außerdem -- ich weiß nicht wer!
Und Mutters Trockentücher...

Energisch spricht man: "Jetzt ist Schluss!
Es ist schon weit nach sieben!
Und wenn ich noch mal kommen muss,
dann wird gleich aufgeblieben!" --

Schon fragt man sich, ob man vielleicht
zu streng in allen Dingen,
als sich zwei Ärmchen einschlafleicht
wie Samt um einen schlingen...

 

*

 

 

Goldner Mond und Abendsonne

Ein kleines Kind, in seinen Brei
vertieft mit beiden Händen,
neigt kreativ zur Malerei
ringsum an den vier Wänden.

Es malt dir hin den goldnen Mond
mit andächtiger Wonne
und, falls es nicht mit Lob belohnt,
dazu die Abendsonne...

Was macht man bloß mit solchem Kind,
wird man es schelten dürfen?
Als Kunstkenner und liebesblind
spricht mild man von "Entwürfen"!

 

*

 

 

Warum ein Kind Steinchen in den Fluss wirft

Ein kleines Kind
wirft Stein- um Steinchen
in einen großen Fluss.

Wenn es mal muss
- und das ist oft
für Eltern völlig unverhofft! -,
hebt es kein Beinchen.

Macht auch nicht "Wau!".
Kehrt nur den Blick nach innen
und lässt, was rinnt, still rinnen...

Dann gibt es dicken, feuchten Kuss,
fängt albern an zu kindeln.


Das heißt: "Mich stört zwar
nicht mein Duft,
doch ist mir jetzt nach neuer Luft
und unverbrauchten Windeln!" --

Ein kleines Kind wirft kleine Steine
in einen großen Fluss.
Nicht weil es möchte, soll und darf --
nur einfach, weil es muss!

 

*

 

 

Die hohe Kunst des Ausdrucks

Ein kleines Kind sitzt auf dem Topf
zum Zwecke der Idylle:
Die ganze Haltung, Fuß bis Kopf,
weist auf Gedankenfülle.

Und will doch gar nichts sagen!
Geschweige denn "was machen".
Auch niemanden beglücken! --

So möcht’, ganz ohne Fragen,
ein Künstler sich ausdrücken.

*

Wird weiter eingetragen...

 


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