Franz Christoph Schiermeyer

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PROSA
Kürzestgeschichten in ein bis drei Sätzen

 


 

VATER

Wie alt mochte sein Vater damals gewesen sein?
Er wusste es nicht. Bestimmt aber um einige Jahre jünger,
als er selber es nun schon geworden war.

Und wie oft mochte sein Vater es ihm abverlangt haben?
Geduldig, freundlich, vergebens? Seine Stimme von Mal zu Mal
um nur einem geübten Ohr wahrnehmbare Nuancen hebend?

Auch das wusste er nicht.

Umso feierlicher und zugleich wehmütiger war ihm zumute,
dass es jetzt endlich so weit war. Nach so vielen Jahren!
Mit so großer Verspätung! Nach so langem Zaudern und Zögern...

Keinen Tag länger würde er auf die lange Eckbank schieben,
was als Sohn zu tun seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit war!
Und ein allerletztes Mal würde er seinen Vater sagen hören:

"Junge, nimm die Beine vom Tisch -
und steck sie darunter!"

Ja, Vater! Aber eins nach dem anderen:

r

VATER II

Spät, doch glücklicherweise nicht zu spät,
sollte die ewige Leier seines Vaters, die Beine vom Tisch zu nehmen,

dramatische Aktualität erhalten.

Die Situation an diesem lichtdurchfluteten Herbstmorgen

war eindeutig gewesen, die Beweislage erdrückend
und das durch die gegenseitig empfundene Peinlichkeit
heraufbeschworene Schweigen schier unerträglich...

Es dauerte eine geraume Weile, bis er zu seiner schärfsten

und nur in äußersten Notfällen erprobten Waffe gefunden hatte,
zu formvollendeter und fröhlich-fanatischer Hilfsbereitschaft:

"Darf ich dich durch die Tür kippen?", hatte er gefragt

"So kommst du nämlich nicht da durch!"

Die betont gleichgültig vorgetragene Frage war erwartungsgemäß

ohne Antwort geblieben, und wo die Schuhe hingehörten,
schien ja bestens bekannt zu sein:

 

 

Mail an F.C.Schiermeyer

© F. Christoph Schiermeyer | Wochenendgebiet 12 | 53578 Windhagen-Hallerbach