Franz Christoph Schiermeyer

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PROSA

Kurzbetrachtungen und Kürzestgeschichten

 


 

SESSION

"Und was wollen Sie spielen?",
wurde der blinde Musiker
kurz vor der Session gefragt.

Jener, leicht auf den Stock gestützt,
mit dem er gekommen war:

"Tasteninstrument."

*

WIRTSCHAFTSFLÜCHTLINGE

Wie seltsam:

In einem Land, in dem sich alles vornehmlich
um Wirtschaft, Geld, Börse, Leistung und Profit
zu drehen scheint, stoßen ausgerechnet
sogenannte "Wirtschaftsflüchtlinge"
auf das allergeringste Verständnis.

Müssten uns nicht solche Flüchtlinge
besonders willkommen sein,
bringen sie doch in unsentimentaler Weise mit,
worum es uns selber in der Hauptsache

und immer und überall zu gehen scheint?

*

VATER

Wie alt mochte sein Vater damals gewesen sein?
Er wusste es nicht. Bestimmt aber um einige Jahre jünger,
als er selber es nun schon geworden war.

Und wie oft mochte sein Vater es ihm abverlangt haben?
Geduldig, freundlich, vergebens? Seine Stimme von Mal zu Mal
um nur einem geübten Ohr wahrnehmbare Nuancen hebend?

Auch das wusste er nicht.

Umso feierlicher und zugleich wehmütiger war ihm zumute,
dass es jetzt endlich so weit war. Nach so vielen Jahren!
Mit so großer Verspätung! Nach so langem Zaudern und Zögern...

Keinen Tag länger würde er auf die lange Eckbank schieben,
was als Sohn zu tun seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit war!
Und ein allerletztes Mal würde er seinen Vater sagen hören:

"Junge, nimm die Beine vom Tisch -
und steck sie darunter!"

Ja, Vater! Aber eins nach dem anderen:

r

VATER II

Spät, doch glücklicherweise nicht zu spät,
sollte die ewige Leier seines Vaters, die Beine vom Tisch zu nehmen,

dramatische Aktualität erhalten.

Die Situation an diesem lichtdurchfluteten Herbstmorgen

war eindeutig gewesen, die Beweislage erdrückend
und das durch die gegenseitig empfundene Peinlichkeit
heraufbeschworene Schweigen schier unerträglich...

Es dauerte eine geraume Weile, bis er zu seiner schärfsten

und nur in äußersten Notfällen erprobten Waffe gefunden hatte,
zu formvollendeter und fröhlich-fanatischer Hilfsbereitschaft:

"Darf ich dich durch die Tür kippen?", hatte er gefragt

"So kommst du nämlich nicht da durch!"

Die betont gleichgültig vorgetragene Frage war erwartungsgemäß

ohne Antwort geblieben, und wo die Schuhe hingehörten,
schien ja bestens bekannt zu sein:

 

*

GELD IN DIE HAND NEHMEN

Zahlen Sie noch bar?
Jedenfalls im Alltag und bei leicht überschaubaren Summen?
Dann dürften Sie auch nicht allzu erfreut darüber sein,
wenn wieder einmal jemand in der Einkaufsschlange vor Ihnen
seine Karte zückt, um eine umständliche Prozedur in Gang zu setzen,
an deren Ende ein Liter Milch und zwei Brötchen korrekt bezahlt sind.

Der bargeldlose Unsinn hat mittlerweile solch einen Umfang erreicht,
dass die Sprache darauf reagiert hat, und zwar in Form
einer nostalgischen Redewendung vor allem jener,
die berufsmäßig in jedes Mikrofon sprechen
und sich unbändig darüber zu freuen scheinen, wenn es eine
neue wohlparfümierte Formulierung in den allgemeinen Umlauf
und damit in ihr eigenes sprachliche Portefeuille geschafft hat.

Die neue Sprachblüte lautet: "Geld in die Hand nehmen",
und sie ist nicht nur deswegen so unsinnig,
weil immer mehr Leute stattdessen viel lieber ihre Karte
in die Höhe recken, wenn´s ans Bezahlen geht,
sondern weil sie just dann aufblüht und duftet
wie die Titanenwurz im Botanischen Garten,
wenn der bargeldlose Zahlungsverkehr
nun wahrlich seine Berechtigung unter Beweis stellt:

Oder können Sie sich den Minister, der mal eben
ein paar Millionen für eine mehr oder weniger sinnvolle
Verwendung "in die Hand nehmen" will, beim Zählen, Sortieren
und Überbringen eines solchen Haufen Geldes vorstellen?

Sie können das!? Ich gebe Ihnen recht!
Man sollte die Leute ab und zu beim Wort nehmen
und sie der von ihnen avisierten Tätigkeit zuführen,
warum also nicht dem Geld-in-die-Hand-nehmen?

Geld stinkt bekanntlich nicht,
im Gegensatz zur Titanenwurz.

 

 

Mail an F.C.Schiermeyer

© F. Christoph Schiermeyer | Wochenendgebiet 12 | 53578 Windhagen-Hallerbach