Franz Christoph Schiermeyer

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VERSCHWIEGENER WUNSCH -
VERWÜNSCHTES SCHWEIGEN

Prosagedichte (Auswahl) in alphabetischer
Reihenfolge, 1977 und 1982 mit teils
unterschiedlichem Inhalt im Eigenverlag

 


 

Andeutung

Es ist ein ganz anderer Weg
Es ist ein ganz anderes Leben
Es ist eine andere Art zu denken
Es ist eine andere Art zu fühlen
Es ist der Weg des Herzens
Und der Weg des Herzens ist friedvoll

 

Aufwartung

Mit fünfundzwanzig Pferden
wollte ich bei dir vorfahren
was gar nicht meine Art ist

Es sind nur vierundzwanzig
und eines lahmt - Das lass uns
pflegen und nachhause tragen

 

Begegnung

Auf dem Weg zur Arbeit
fand ich einen Stein

Er war sehr schüchtern
und das machte mich verlegen

Nach einer Weile merkten wir
dass die Sonne uns beschien

Das löste unsere Spannung
und ich ging weiter

 

Besitz

Was ich sehe
gehört mir

Ich habe an
allem Anteil

Aber ich halte
es nicht fest

Und ich nehme
es nicht mit

 

Blaue Stunde

Am schönsten
ist die Abenddämmerung
nicht wahr
wenn man überlegt
ob man schon
Licht anmachen soll
oder noch nicht
lieber noch nicht
es ist so still
so ruhig
Autos fahren vorbei
und Fenster werden
zugeschlagen
wenige und weit entfernt
doch drüben
ist schon alles
dunkel -
nicht wahr?

 

Blumenmädchen

Unter den Asphalt möchte
sie Löwenzahn streuen

In die Schaufenster möchte
sie Granatäpfel werfen

Die Häuser möchte
sie in Efeu ersticken

Die Tiefgaragen möchte
sie mit Pilzen bedecken

Vor die Autos möchte
sie Buchsbäume pflanzen

Und in die Gesichter
Klatschmohn

 

Die Bäume

über die ich schreibe
gibt es nicht mehr

Ich schneide ihr Herz
in holzfreies Papier
und warte

auf Narben in Jahren

 

Ein glückliches Paar

Mein linker Schuh
passt mir ebenso wenig
wie mein rechter

Ein glückliches Paar -
meine Schuhe

 

Etwas

Aus mir
wird nie etwas

Ich bleibe
lieber ich

 

Fabel von der großen Falle

Die Mäuse
als sie das Stück Käse
gefressen hatten
bekamen es plötzlich
mit der Angst
würgten die Reste hervor
und liefen
um ihr Leben -
bis sie vor Erschöpfung
tot umfielen

Moral:

Nicht jede Falle schnappt zu

Vorsicht ist gut -
Ängstlichkeit Käse

 

Für dich

Der Maler schenkt
seiner Geliebten ein Bild
der Sänger ein Lied
und der Bankangestellte
drei Nullstellen
vor dem Komma

Nur der Schneider
verwünscht seine
Fingerfertigkeit und mit
ihm der Dichter:

Beide wissen
dass Kleider und Wörter
das Schönste
nur verbergen

Darum ist auch
dieses Gedicht
für alle andern, nur nicht

für dich

 

Gespräch

Es redet mir einer
die Ohren voll

Ich verstehe nichts
mehr, ich höre

Ganz leer und
schon wie taub -

höre ich und
verstehe

 

Hauptsache

Irgendwo
unterkommen

Irgendwas
unternehmen

Irgendwie
überlegen sein

Hauptsache:

drunter
und drüber

 

Kampfabsage

Ich könnte dich besiegen
Wenn ich mich mit allem auf dich werfe
Könnte ich dich besiegen
Aber ich will dich nicht besiegen
Und ich will nicht mit dir kämpfen
Ich möchte in deiner Nähe wohnen
Und an deinem Anblick mich freuen
Denn du hast mich längst besiegt
Ich bin in deiner Hand

 

Lebensabend

Von dem Kind
das im Nachbargarten
Blindekuh spielt
habe ich noch die
Ururgroßmutter gekannt

Jene Oma Rieke
die zahnlos und in schwarzen
Frühlingskleidern schon
frühzeitig die Weisheit
der Steine angenommen hatte
die Gesprächigkeit des Flusses
und die Weitsichtigkeit
der fast Erblindeten

Da hockt sie nun
mit ihren prächtigen Zähnen
in ihren bunten Kleidern
und spielt schon wieder
Lebensabend
 

Macher

Der Schuhmacher
macht Schuhe

Der Hutmacher
macht Hüte

Der Uhrmacher
macht Uhren

Der Regenmacher
macht Regen

Nur der Macher
macht nichts

 

Manchmal

erschrecke ich
wie wenig
ich dich kenne:

Wenn du geduldig
bist und stark

Oder lächelst
wie ein Kind

Dann stehe
ich beschämt
und wage:

nichts zu sagen

 

Nur eine Frage

Angenommen
du seist
Schneewittchen

und ich wär
der Prinz -

Wer führte
uns dann
in ein neues
Märchen?

 

Sonntagnachmittag

In der Sonne liegen
An nichts denken
Träumen vielleicht
Vielleicht auch nicht -
Morgen ist Dienstag

 

Standbild

Sie haben
dich
gut gekannt

So bist
du
gewesen -

Aus Stein

 

Traum

"Komm wieder,
wenn du
wach bist"

sagte der Traum,
den ich
träumen wollte:

"Ich bin der
Traum
vom Wachsein"

 

Unterwegs

Wir waren mit dem Fahrrad unterwegs,
Und die Straße war steil.
Links und rechts standen Obstbäume,
Dazwischen Telegrafenmasten,
Und später dann Häuser.
Gegen Mittag machten wir Rast,
Wir aßen und tranken,
Und niemand
Wusste mehr genau zu sagen,
Ob wir die Straße heraufgekommen waren
Oder herab.

 

Was ich wem wünsche

Den Juden
das Himmelreich

Den Indianern
das Paradies auf Erden

Den Moslems
das Nirwana

Den Christen
die ewigen Jagdgründe

Den Buddhisten
den siebten Himmel

Den Kommunisten
Abrahams Schoß

Und mir? -
Sie dort zu wissen.

 

Weitblick

Als der Mensch auftrat,
lernten die Vögel fliegen,
die Fische sprangen ins Meer
und das Mammut gab auf

Die Würmer verschwanden
unter die Erde -

Sie dachten am weitesten

 

GEDICHTE

Ungereimtes in Versen

Verschwiegener Wunsch -
verwünschtes Schweigen

Die neue Welt

Ein kleines Kind

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